• Sibylle Von Burg

Shirin wird langsam heimisch



Als Shirin bei mir einzog, war es kurz vor Ostern im Jahr 2000.

Aufgrund ihrer Aengstlichkeit und da sich meine Praxis mitten in der Stadt befand, konnte ich nicht einfach mit ihr losmarschieren zum täglichen Spaziergang. Und da ich erstens während des Tages mit Patienten beschäftigt war und zweitens seit 5 Jahren auch über kein Auto mehr verfügte, beschloss ich, morgens um 5.00 mit dem ersten Tram irgendwohin ins Grüne zu fahren. Shirin zeigte sich vorerst auch im Tram sehr verängstigt und versuchte einmal sogar, aus dem Fenster zu springen. Auch pflegte sie zu bestimmen, welchen Weg wir nahmen, denn sie hatte die Angewohnheit, plötzlich bockstill zu stehen und war dann mit keinem Mittel mehr dazu zu bewegen, den Weg zu wählen, der mir eigentlich vorschwebte. Aber bald gewöhnte sie sich wenigstens an die Fahrt, war das Tram zu dieser frühen Morgenstunde jeweils praktisch menschenleer.


Manchmal führte uns jedoch auch eine Nachbarin mit dem Auto aufs Bruderholz, da sie mit ihrem Labrador und ihrem croatischen Strassenhund auch frühmorgens spazieren musste . Noch viele Jahre, als ich schon über ein eigenes Auto verfügte, und später noch der Greyhound „ Hannibal“ dabei war, genossen wir diese gemeinsamen Spaziergänge und Shirin fand sehr bald auch Gefallen an diesen beiden Kollegen.


Mit dem Tram führten uns wunderschöne Entdeckungsreisen zu den immer heller werdenden Morgenstunden in die Umgebung von Basel. Die Rückfahrt verlief dann anfänglich schon etwas stressig, da Menschen in hektischer Stimmung auf dem Weg zur Arbeit einstiegen, die wenig Verständnis für den doch recht grossen Hund zeigten, der auf einer Decke ausgebreitet liegend, eher ziemlich viel Platz einnahm. Shirin hatte die Angewohnheit, mit den Zähnen zu klappern und den Menschen, die sie sympathisch fand, den Kopf auf den Schoss zu legen als Aufforderung, sie zu streicheln. Vor allem ältere Leute und auch Kinder fanden den klappernden Hund lustig und lieb und bald einmal hatte sie sich die Herzen vieler Tramgäste erobert. Sie erhielt den Uebernamen“Klapperstorch“.


Da die Hündin jedoch lange unter gesundheitlichen Problemen litt und deshalb anfallsweise Schmerzen bekam, war es ihr hie und da unmöglich, das Tram, vor allem auf dem Rückweg, zu besteigen. Da war ich jeweils froh, einen guten Draht zur Tierambulanz zu haben. Ein Anruf genügte und das weisse Auto erschien, um uns beide in die Praxis zu transportieren. Mit der Zeit wurden die Schmerzanfälle jedoch häufiger, aber wenn die Ambulanzfahrerin dann die Heckklappe des Autos öffnete, konnte Shirin plötzlich mit Schwung und einem strahlenden Grinsen hineinspringen. Sie liebte es, mit dem Auto mitzufahren und hatte oftmals auch die Tendenz, einfach in fremde Autos einzusteigen. Es kam noch dazu, dass Shirin im Tram, nach den Zeitungsartikeln über die Kampfhunde, die in Hamburg ein Kind tot gebissen hatten, plötzlich nur noch schlecht akzeptiert wurde. Die ganze Freundlichkeit der Passagiere war dahin und ich wurde sogar gefragt, warum dieser Kampfhund denn keinen Maulkorb trage.

Somit stand für mich nun fest, dass die Zeit gekommen war, wieder ein eigenes Auto zu fahren. Da ich mich sehr unsicher fühlte, ob ich angesichts des hektischen Strassenverkehrs überhaupt noch ein Auto lenken konnte, bemühte ich mich mir vorerst einmal um einige Theorieblätter und löste für mich die gestellten Fragen.

Danach begab ich mich in die Renaultgarage und meldete mein Interesse an für einen „Twingo“ . Als ich jedoch Bedenken bezüglich meiner Fahrtüchtigkeit äusserte, anerbot sich der Verkäufer, mir mit meinem Auto ein paar Fahrstunden zu erteilen. Nach einiger Zeit fühlte ich mich sicher genug und der grüne Twingo wurde zur grossen Freude von Shirin, unser neues Transportmittel.


Was das Essen anbelangte war die Hündin extrem verschleckt. Man konnte sie vor allem mit Schweizer Poulet und mit Süssigkeiten verführen. Leider begann dieser scheue Hund, der sonst kein Wässerchen trüben konnte, dann bald einmal Schokolade zu stehlen. Aus dem Osternest auf dem Clubtisch waren in kurzer Zeit sämtliche Schokoladeneier samt Papier verschwunden und was dann hinten aus dem Hund kam, war seltsam farbig und glänzig. Noch mehr erstaunt war ich, als ein Behälter mit Pralinen, der in der Praxis auf dem recht hohen Corpus lag, in meiner Abwesenheit durch die Hündin fein säuberlich geöffnet und von jeglicher Spur Schokolade befreit wurde.

Kundinnen, die leitende Funktionen in einem Hundesportverein innehielten, motivierten mich, mit Shirin, die zwar schon 7 Jahre alt war, einen Junghundekurs zu belegen. Man fand, dass auch ein Windhund „nur“ein Hund sei und dass man sicher auch bei Shirin mit sanftem Training einiges bewirken könne. Denn die Hündin interessierte sich ausser für ihre Spielsachen, Süssigkeiten und für Streicheleinheiten praktisch für nichts. Während der Spaziergänge wirkte sie eher abgelöscht und andere Hunde fand sie lästig. Ihre Aengste konnten durch ein Mitglied des Hundesports, das in „Tellington touch“ ausgebildet war, positiv beeinflusst werden. Zusätzlich verabreichte ich ihr Bachblüten und während einer kurzen Zeit sogar ein Antidepressivum. Ueber die homöopathischen Mittel, die auch viel hätten bewirken können, wusste ich damals noch nicht Bescheid.


Shrin blieb jedoch im Grossen Ganzen ein vorsichtiger Hund, der immer wieder mal panikartig zu fliehen versuchte, was sich fatal hätte auswirken können, wenn meine Aufmerksamkeit auf dem Spaziergang je nachgelassen hätte. Ganz schlimm war es auch, wenn sich Gewitter ankündigten. Diese spürte die Hündin schon eine Stunde vorher. Und am ersten August pflegte ich, Shirin mit dem Auto das Elsass bei Nacht zu zeigen. Wir fuhren dann stundenlang jenseits der Grenze spazieren, bis sich die grösste Knallerei gelegt hatte.

In der Hundeschule schien die Hündin Spass zu haben und lernte auf dem Platz einige einfache Regeln zu befolgen und konnte für die Plauschgruppe motiviert werden. Jedoch mit mir allein wollte sie diesbezüglich keine Uebungen absolvieren. An andern Hunden zeigte sie wenig Interesse, ausser es handelte sich um einen Windhund oder einen Dobermann. Die beiden Dobermänner, die oft in unsere Praxis kamen, erkannte sie schon am Schritt, wenn sie im Hinterzimmer ruhte und verführte sofort einen Freudentanz, bis sie ihre neuen Freunde begrüssen durfte.


Mit der Zeit konnte ich mit Shirin auch in der Stadt spazieren und einmal begaben wir uns auf die lange Barfüssertreppe, als wir von zwei irischen Männern mit Gitarre angesprochen wurden. Sie zeigten sich hell begeistert über den irischen Greyhound und luden uns ein abends in den Pub zu kommen, wo sie singen und spielen würden. Da ich jedoch frühmorgens wieder arbeiten musste, verzichteten wir leider auf dieses Vergnügen.

Nach ca. einem Jahr war meine Windhündin so weit, dass ich sie an viele Orte mitnehmen konnte, dass sie Freude zeigte anlässlich der täglichen Spaziergänge und viel von ihrer Aengstlichkeit verloren hatte. Jedoch schwebte immer eine leichte Trauer über diesem zarten Tier und langsam kam ich zu dem Schluss, dass die Windhundkennerinnen doch recht hätten, und dass Shirin gerne mit einem zweiten Windhund zusammenleben würde.

Und so war bald einmal „Hannibal“, der neunjährige, sehr grosse, gestromte Greyhound ihr neuer Partner, der sie auf ihrem weiteren Lebensweg begleitete.

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